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Warum wir plötzlich alles maximieren wollen

  • info119720
  • vor 17 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

– und was uns das kostet


Fibermaxxing. Looksmaxxing. Sleepmaxxing. Productivitymaxxing. Moneymaxxing. Dopaminmaxxing. Healthmaxxing.


Vielleicht sind dir diese Begriffe in den sozialen Medien schon begegnet. Fast täglich taucht ein neues „Maxxing" auf – ein neuer Bereich unseres Lebens, den wir angeblich noch optimieren, perfektionieren oder maximieren können.


Und ehrlich gesagt: Auf den ersten Blick klingt das gar nicht so schlecht.

Wer möchte nicht gesünder essen? Besser schlafen? Attraktiver wirken? Erfolgreicher sein? Mehr aus seinem Potenzial machen?


Doch je länger ich Menschen in meiner Praxis begleite, desto häufiger stelle ich mir eine andere Frage:


Warum reicht es uns eigentlich nicht mehr, einfach zu leben?

Aus Selbstfürsorge wird Selbstoptimierung


Viele der heutigen Maxxing-Trends beginnen mit etwas Sinnvollem.

Fibermaxxing bedeutet, besonders viele Ballaststoffe zu essen. Sleepmaxxing verspricht den perfekten Schlaf. Looksmaxxing soll das äußere Erscheinungsbild verbessern. Productivitymaxxing verspricht maximale Effizienz. Healthmaxxing den gesündesten Körper. Moneymaxxing mehr finanziellen Erfolg.


Das Problem liegt nicht im Wunsch nach Gesundheit oder Entwicklung.

Das Problem entsteht dort, wo aus einem gesunden Interesse eine permanente Selbstbewertung wird.


Plötzlich wird jede Mahlzeit analysiert.

Jede Nacht bewertet.

Jeder Blick in den Spiegel zum Leistungstest.

Jede freie Minute zur verpassten Chance auf Optimierung.

Was ursprünglich helfen sollte, wird zu einem weiteren Bereich, in dem wir das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein.


Die stille Botschaft dahinter

Wenn wir genauer hinschauen, steckt hinter vielen Maxxing-Trends dieselbe Botschaft:

"Du könntest noch besser sein."

Noch attraktiver.

Noch gesünder.

Noch produktiver.

Noch erfolgreicher.

Noch disziplinierter.


Die sozialen Medien leben von dieser Idee.

Denn wer glaubt, noch nicht genug zu sein, bleibt auf der Suche.

Nach dem nächsten Trick.

Dem nächsten Supplement.

Der nächsten Morgenroutine.

Der nächsten Methode, die endlich das fehlende Puzzleteil liefern soll.

Doch die Ziellinie verschiebt sich ständig.

Kaum haben wir ein Ziel erreicht, erscheint bereits das nächste.


Die Angst, zurückzubleiben

Viele Menschen erzählen mir heute von einem Gefühl, das sie kaum benennen können.

Es ist keine klassische Angst.

Kein klarer Druck von außen.

Eher das Gefühl, ständig hinterherzuhinken.

Als würden alle anderen ihr Leben besser im Griff haben.

Gesünder leben.

Mehr verdienen.

Besser aussehen.

Mehr leisten.

Die sozialen Medien zeigen uns täglich tausende Menschen, die scheinbar das Beste aus jedem Lebensbereich herausholen.

Unser Gehirn vergleicht sich ununterbrochen.

Und verliert dabei etwas Wesentliches:

Den Kontakt zur eigenen Realität.


Wenn das Leben zur Baustelle wird

Psychologisch betrachtet entsteht ein gefährlicher Nebeneffekt.

Wer ständig optimiert, erlebt sich oft unbewusst als dauerhaft unvollständig.

Das eigene Leben wird zur Dauerbaustelle.

Es gibt immer etwas zu verbessern.

Immer einen nächsten Schritt. Immer einen weiteren Mangel.


Doch psychische Gesundheit entsteht nicht nur durch Entwicklung.

Sie entsteht auch durch Akzeptanz.

Durch die Fähigkeit, sich selbst anzunehmen, obwohl noch nicht alles perfekt ist.

Vielleicht sogar gerade deshalb.


Die Illusion der vollständigen Kontrolle

Maxxing-Trends vermitteln oft eine weitere Verheißung:

Wenn du nur alles richtig machst, wirst du glücklich.

Doch das Leben funktioniert nicht so.

Wir können vieles beeinflussen.

Aber wir können nicht alles kontrollieren.

Krankheiten.

Verluste.

Krisen.

Alterungsprozesse.

Beziehungsprobleme.

Unsicherheit.

All das gehört zum Menschsein dazu.


Die Vorstellung, wir müssten nur genug optimieren, um unangenehme Gefühle oder Herausforderungen zu vermeiden, führt häufig zu Frustration und Erschöpfung.

Denn irgendwann stoßen wir an Grenzen, die sich nicht wegoptimieren lassen.


Was wir stattdessen brauchen

Vielleicht brauchen wir nicht noch mehr Optimierung.

Vielleicht brauchen wir mehr Erlaubnis.


Die Erlaubnis,

  • manchmal müde zu sein.

  • nicht ständig produktiv zu sein.

  • nicht perfekt auszusehen.

  • nicht jeden Trend mitzumachen.

  • Fehler zu machen.

  • Grenzen zu haben.


Vielleicht besteht echte psychische Stärke nicht darin, immer mehr aus sich herauszuholen.

Sondern darin, den eigenen Wert nicht ständig beweisen zu müssen.


Ein anderer Blick auf Entwicklung

Persönliche Entwicklung ist etwas Wunderbares.

Doch Entwicklung bedeutet nicht, aus sich selbst ein Projekt zu machen, das niemals fertig wird.

Entwicklung bedeutet auch, sich selbst mit Freundlichkeit zu begegnen.

Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Pausen zuzulassen.

Und zu erkennen, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, wie optimiert das eigene Leben aussieht.

In einer Welt, die ständig nach mehr ruft, kann es ein radikaler Akt der Selbstfürsorge sein, sich selbst zu sagen:

Ich muss nicht alles maximieren. Ich darf einfach Mensch sein.





 
 
 

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