Warum Victim Blaming so tief verletzt
- info119720
- vor 2 Stunden
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– und warum wir endlich aufhören müssen, die Falschen zu hinterfragen
Mit dem Fall Collien Fernandes wird es wieder Thema,
aber es es ist nicht neu: Victim blaming
Es gibt Sätze, die sich leise in die Seele eines Menschen schneiden. „Warum bist du da überhaupt hingegangen?“ „Was hattest du an?“ „Warum hast du dich nicht gewehrt?“
Und besonders oft:
„Warum hast du ihn nicht verlassen?“
„Was hast du getan, um ihn so zu reizen?“
Sätze wie diese fallen oft beiläufig. Manchmal sogar gut gemeint. Und doch tragen sie eine zerstörerische Botschaft in sich: Du bist selbst schuld.
Als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Leiterin eines Sicherheitstrainings begegne ich diesen Dynamiken immer wieder. Nicht nur in den Erzählungen meiner Klient:innen – sondern auch im gesellschaftlichen Umgang mit Gewalt.
Victim Blaming ist kein Randphänomen. Es ist tief in unserem Denken verankert.
Und die Zahlen zeigen: Das Problem ist größer, als viele glauben.
Was Victim Blaming wirklich bedeutet
Victim Blaming heißt, die Verantwortung für eine Tat – sei es Gewalt, Übergriff oder Grenzverletzung – ganz oder teilweise dem Opfer zuzuschreiben.
Nicht mehr die Frage „Warum hat er das getan?“ steht im Raum,
sondern:„Warum hast du nichts anders gemacht?“
Die Realität hinter den Zahlen
Wenn wir über Victim Blaming sprechen, müssen wir auch über die Realität von Gewalt sprechen:
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland über 256.000 Fälle häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht, davon 171.069 Fälle im Bereich Partnerschaftsgewalt (BKA Bundeslagebild Partnerschaftsgewalt 2024)
Rund 80 % der gemeldeten Betroffenen sind Frauen
Die Dunkelziffer ist sehr hoch: bis zu 85–90 % der Fälle werden nie angezeigt (Koordinationsstelle gegen Häusliche Gewalt, 2024)
Jede zweite Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal sexuelle Belästigung (UN Women Deutschland, 2024)
Diese Zahlen machen deutlich: Gewalt ist kein Einzelfall. Sie ist gesellschaftliche Realität.
Und dennoch reagieren wir oft mit Schuldzuweisungen an die Betroffenen.
Beispiele, die wir alle kennen
Eine Frau wird auf dem Heimweg belästigt.
→ „Warum war sie nachts allein unterwegs?“
Ein Mann wird Opfer von Gewalt.
→ „Warum hat er sich nicht gewehrt?“
Eine Jugendliche wird online bloßgestellt.
→ „Warum hat sie solche Bilder verschickt?“
Eine Person erlebt häusliche Gewalt.
→ „Warum hast du ihn nicht verlassen?“
→ „Was hast du getan, um ihn so zu reizen?“
Gerade bei häuslicher Gewalt ist diese Denkweise besonders gefährlich. Denn sie ignoriert, dass viele Betroffene in einem Geflecht aus Angst, Kontrolle, Abhängigkeit und Manipulation leben. Die gefährlichste Phase ist oft der Moment des Verlassens – und genau dann entstehen die meisten Missverständnisse und Vorwürfe.
Warum Menschen zu Victim Blaming neigen
1. Der Wunsch nach Sicherheit
Wenn wir glauben, dass Opfer „Fehler gemacht haben“, fühlen wir uns selbst sicherer. Es entsteht die Illusion: Mir passiert das nicht.
2. Die Illusion der gerechten Welt
Viele Menschen tragen unbewusst die Überzeugung: „Wer sich richtig verhält, dem passiert nichts Schlimmes. “Psychologische Forschung zeigt, dass genau dieses Bedürfnis dazu führt, dass Menschen eher dem Opfer eine Mitschuld geben, um ihr Weltbild zu stabilisieren (PubMed, 2017)
3. Überforderung mit Ohnmacht
Gewalt konfrontiert uns mit Kontrollverlust. Und statt diese Ohnmacht auszuhalten, suchen wir nach einfachen Erklärungen.
4. Gesellschaftliche Narrative
Studien zeigen: Schon die Art, wie über Gewalt berichtet wird, beeinflusst, ob Menschen empathisch reagieren – oder Schuld beim Opfer suchen (LfSH, 2023)
Victim Blaming ist also nicht nur individuell – es ist gelernt.
Was Victim Blaming mit Betroffenen macht
Die Auswirkungen sind tiefgreifend:
Viele Betroffene zeigen die Tat nicht an, aus Angst vor Schuldzuweisungen (Koordinationsstelle 2024)
Scham und Selbstzweifel verstärken sich
Isolation nimmt zu
Heilung wird erschwert
Eine Betroffene berichtete: Bis zu 80–90 % der Reaktionen aus ihrem Umfeld waren von Victim Blaming geprägt (Amnesty International Schweiz, 2022)
Nicht nur die Tat verletzt – sondern auch der Umgang danach.
Prävention vs. Schuld
In meiner Arbeit im Sicherheitstraining geht es um Prävention: Strategien, Handlungsmöglichkeiten, Sicherheit.
Der Unterschied:
Prävention stärkt
Victim Blaming beschuldigt
Eine Person kann alles „richtig“ machen – und trotzdem Opfer werden. Denn die Verantwortung liegt immer bei der Person, die Gewalt ausübt. Immer.
Was wir stattdessen brauchen
Wir brauchen neue Fragen:
Nicht: „Warum bist du geblieben?“
Sondern: „Was hat es dir so schwer gemacht zu gehen?“
Nicht: „Warum hast du dich nicht gewehrt?“
Sondern: „Es tut mir leid, dass dir das passiert ist – wie kann ich dich unterstützen?“
Mein Appell
Die Zahlen sind eindeutig. Die Geschichten dahinter sind es auch.
Gewalt ist real. Victim Blaming ist real.
Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann müssen wir aufhören, die Verantwortung zu verschieben.
Schuld trägt immer die Person, die Gewalt ausübt – niemals die, die sie erlebt.





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