top of page

Mansplaining

info119720
vor 1 Stunde
3 Min. Lesezeit

Oder: Wenn Männer mir meinen Beruf erklären


Neulich saß ich mit zwei Freundinnen zusammen.

Eigentlich wollten wir einen entspannten Abend verbringen.

Ein bisschen reden, ein bisschen lachen, ein bisschen über das Leben philosophieren.

Stattdessen landeten wir irgendwann bei dem Thema Mansplaining.

Und plötzlich wurde aus einem gemütlichen Abend ein Wettbewerb.

Nicht um die schönste Urlaubsgeschichte.

Nicht um die schlimmste Dating-Erfahrung.

Nein.


Wir spielten unfreiwillig die Disziplin:

"Wer hat die absurdeste Mansplaining-Geschichte?"


Die Ärztin bekam erklärt, wie der weibliche Körper funktioniert.

Die Unternehmerin bekam erklärt, wie man ein Unternehmen führt.

Die Kraftfahrerin, wie man richtig autofährt.

Der Frau, die professionelle Golfturniere gewinnt, wie der Tee shot richtig durchgeführt wird.

Und ich?

Ich bekam als Leiterin eines Wehr Dich Sicherheitstrainings erklärt, wie man sich richtig emanzipiert und durchsetzt.

Als Fitnesstrainerin bekam ich erklärt, wie man richtig trainiert und das von einem Mann, dessen sportliche Höchstleistung vermutlich darin bestand, auf youtube versehentlich auf einen Fitnessbeitrag gestoßen zu sein.


Aber gut.

Vielleicht habe ich in all den Jahren einfach etwas übersehen.

Zum Glück gibt es Menschen, die Probleme innerhalb von drei Minuten lösen können.

Wir haben an diesem Abend Tränen gelacht.

Wirklich.

Mit jedem neuen Beispiel wurde es absurder.


Irgendwann sagte eine Freundin:

"Eigentlich bräuchten wir ein Mansplaining-Bingo."

Felder wie:

□ "Ich erklär dir das mal kurz."

□ "Das ist biologisch so."

□ "Das meinst du bestimmt anders."

□ "Vertrau mir."

□ "Ich habe da mal einen Podcast gehört."


Bingo wäre vermutlich schneller erreicht als bei jedem Seniorennachmittag.

Und dann passierte etwas Interessantes.

Wir wurden still.

Denn plötzlich merkten wir:

Eigentlich lachen wir über etwas, das gar nicht lustig ist.

Oder zumindest nicht nur.


Denn hinter diesen Geschichten steckt oft dieselbe Botschaft:

"Ich gehe erstmal davon aus, dass ich mehr weiß als du."

Nicht weil man sich kennt.

Nicht weil nach einer Erklärung gefragt wurde.

Nicht weil die andere Person unerfahren wirkt.

Sondern manchmal einfach deshalb, weil da eine Frau sitzt.


Als Heilpraktikerin für Psychotherapie interessiert mich genau dieser Punkt.

Denn einzelne Situationen sind selten das Problem.

Das Problem ist die Summe.

Der einzelne Tropfen macht nichts.

Der ständige Tropfen höhlt den Stein.


Wenn Frauen über Jahre hinweg erleben, dass ihre Kompetenz infrage gestellt wird, passiert etwas.

Sie werden vorsichtiger.

Relativieren ihr Wissen.

Entschuldigen sich für ihre Meinung.

Sagen Sätze wie:

"Ich bin mir nicht ganz sicher ..."

Obwohl sie ziemlich sicher sind.

Oder:

"Vielleicht liege ich falsch ..."

Obwohl sie recht haben.


Während irgendwo gleichzeitig ein Mann mit beneidenswertem Selbstvertrauen einen TED-Talk über ein Thema hält, das er gestern zum ersten Mal gegoogelt hat.


Diese unterschiedliche Selbstverständlichkeit begegnet mir immer wieder.

Im Training.

In der Praxis.

Im Alltag.


Und auch im Wehr Dich Sicherheitstraining.

Denn Selbstschutz beginnt nicht erst dann, wenn jemand deine körperlichen Grenzen überschreitet.

Selbstschutz beginnt oft viel früher.

Nämlich dort, wo jemand deine Kompetenz, deine Wahrnehmung oder deine Erfahrung in Frage stellt.

Wo du spürst:

"Moment. Ich muss mich hier gerade kleiner machen, als ich bin."

Dabei wäre die Antwort manchmal ganz einfach.

"Danke. Das weiß ich bereits."

Oder:

"Spannend. Und jetzt erzähle ich dir mal, wie ich das beruflich mache."

Oder mein persönlicher Favorit:

"Lustig. Dafür werde ich tatsächlich bezahlt."


Versteht mich nicht falsch.

Nicht jede Erklärung eines Mannes ist Mansplaining.

Und natürlich gibt es auch Frauen, die ungefragt die Welt erklären.

Der Unterschied liegt nicht im Erklären.

Der Unterschied liegt in der Haltung.

Bin ich neugierig?

Oder bin ich überzeugt, dass mein Gegenüber vermutlich weniger weiß?


Vielleicht wäre die Welt ein kleines Stück angenehmer, wenn wir alle etwas häufiger fragen würden:

"Möchtest du meine Meinung dazu hören?"

Statt automatisch davon auszugehen, dass sie dringend gebraucht wird.

Und falls sich jetzt jemand beim Lesen gedacht hat:

"Also eigentlich ist Mansplaining ganz anders. Ich erklär dir das mal ..."

...dann danke.

Du hast den Beitrag gerade perfekt zusammengefasst.





 
 
 

Kommentare


bottom of page